Die ersten zwei Tage roch die Wohnung nach Pappe, fremdem Staub und dem Pullover, den mein Mensch seit drei Tagen nicht auszieht.
Der Boden war neu unter meinen Pfoten. Er klang anders, und er fühlte sich anders an, glatter an manchen Stellen, rauer an anderen. Die Wände standen näher beieinander als in der alten Wohnung, und der Flur war kürzer. Ich wusste noch nicht, wo die Geräusche herkamen. Die Heizung tickte anders, der Kühlschrank wachte mitten in der Nacht auf und redete. An so etwas gewöhnt man sich, aber man muss erst wissen, dass es einen gibt.
In der Ecke lag die Decke. Sie lag auf einem Karton, als hätte sie sich dort hingelegt, um auf uns zu warten. Die Decke riecht nach dem alten Sofa und nach mir, und als ich sie gefunden hatte, wusste ich: Einiges war mitgekommen. Nicht alles musste umziehen, um zu Hause zu sein.
Die erste Nacht war die längste, weil der Korb noch verschlossen war. Ich habe mich neben das Bett gelegt, auf den Boden, der noch nach allem roch. Als der Korb am zweiten Tag ausgepackt war, habe ich mich hineingelegt und erstmals richtig geschlafen.
Im Flur gibt es einen Haken, an dem etwas hängen soll. Er ist zu hoch für mich, und ich kann nicht sagen, was dort hängen wird. Das macht mir keine Sorge. Haken sind geduldig. Sie warten, bis das Richtige kommt.
Erste Runden
Mein Mensch hat den ganzen Tag Kartons getragen, in Schleifen von der Tür zum Regal und zurück. Sie hat sich keine Pausen gegönnt, aber sie wusste, wo jeder Karton hingehört. Das ist das Beeindruckende an ihr. Sie sortiert die Dinge, und die Dinge gehorchen. Müde war sie trotzdem, das sieht man an der Art, wie sie die Hände auf die Hüften stützt, wenn sie vor einem Karton steht und überlegt, wo er hin soll. Ein Karton war schwerer als die anderen. Sie hat ihn allein getragen, mit beiden Armen, und ihn abgesetzt wie etwas, das man nicht fallen lässt. Am Abend hat sie sich auf den Boden gesetzt, mitten zwischen die Kartons, und einen Apfel gegessen. Sie hat nicht aufgehört zu arbeiten, sie hat nur die Arbeit gewechselt.
Die Kartons haben Geräusche gemacht, die ich nicht kannte. Glas gegen Glas, Papier gegen Papier. Beim ersten Mal bin ich aufgesprungen. Beim zweiten Mal bin ich liegen geblieben und habe nur noch zugehört. Auch das ist eine Art, eine Wohnung kennenzulernen: Man lernt, welche Geräusche ihr gehören und welche nur zu Besuch sind.
Ich habe die Wohnung in kleinen Schleifen abgegangen, und jede Runde hat mir einen Teil gezeigt, den die Runde vorher noch nicht hatte. Eine Tür, die offen stand. Ein Karton, der neu dazugekommen war. Ich merke mir einen Raum nicht auf einmal. Ich merke ihn mir in Runden, und nach drei Tagen wusste ich im Dunkeln, wo die Wände aufhören.
Ich habe die Wohnung vermessen, bis sie mich nicht mehr gemessen hat.
Den Schreibtisch hat mein Mensch zuletzt aufgebaut. Zuerst kamen die Dinge, die man braucht, dann die, die man um sich haben will. Sie hat ihn so gestellt, dass das Licht von links kommt, und mir hat das genügt: das Büro unter dem Schreibtisch ist dort, wo es immer war. Es war noch leer, aber es war da.
Was zurückkommt
Am dritten Abend ist etwas zurückgekommen, das nicht in einem Karton gepackt war. Die Wasserschale stand wieder an ihrem Platz, direkt neben der Tür zur Küche, dort, wo sie in jeder Wohnung steht, die wir bewohnen. Ich habe erst getrunken, dann habe ich mich gelegt. Die Reihenfolge stimmte. Die Schlüssel lagen in der kleinen Schale neben der Tür, und das Licht am Abend kam durch das Fenster und legte sich auf den Boden, an die Stelle, an der es sich in jeder Wohnung hingelegt hat, die wir bewohnt haben.
Dieses Licht kenne ich gut. In Der Platz in der Sonne habe ich erzählt, wie es tagsüber durch die Wohnung wandert und man ihm folgen muss, wenn man warm bleiben will. Hier kam es abends einfach und blieb. Das hat mich mehr beruhigt als jeder ausgepackte Karton.
Die Küche ist schmaler als die alte. Mein Mensch hat sich zweimal mit der Hüfte an derselben Ecke gestoßen. Beim dritten Mal hat sie die Ecke gemieden, ohne hinzusehen. So lernt man eine Wohnung kennen. Erst mit dem Körper, dann mit den Augen, und irgendwann gar nicht mehr. Auch ich habe jetzt meine Ecke. Beim ersten Mal habe ich mich gestoßen, beim zweiten Mal nicht mehr.
Zuhause ist der Ort, an dem mein Mensch denselben Fehler zweimal macht und ich trotzdem weiß, wo die Decke liegt.
Die Wohnung ist noch nicht fertig. Im Flur stehen noch Kartons, und der Haken an der Tür hat immer noch keinen Mantel. Aber als ich am dritten Abend aufwachte, wusste ich, wo ich bin, bevor ich die Augen geöffnet hatte. Es lag nicht an den Wänden. Es lag daran, dass die Schale an ihrem Platz stand und der Pullover meines Menschen am Abend wieder über der Stuhllehne hing, statt auf dem Rücken. Er war jetzt ein Pullover und kein Umzugskleidungsstück mehr. Die Wohnung riecht noch nicht nach uns. Aber sie fängt an.



