Das Büro meines Menschen besteht aus einem Tisch, einem Kabel, einer Tasse und der Frage, ob sie heute wirklich pünktlich Schluss macht. Ich kenne die Antwort meistens vor ihr. Der Tag beginnt mit dem Geräusch des Laptops, einem kleinen Klicken, das so viel sagt wie: Jetzt wird gesessen. Mein Mensch zieht die Schuhe aus und die Socken an, die für drinnen sind, und setzt sich so, dass ich unter dem Tisch genau einen Platz habe: neben ihren Füßen, mit dem Kopf auf dem Teppich und der Nase an ihren Schuhen.
Der Klang des Arbeitstags
Der Arbeitstag hat eigene Geräusche. Die Tastatur tippt schnell, wenn sie einen Text schreibt, und langsam, wenn sie nachdenkt. Der Stuhl knarrt, wenn sie sich zurücklehnt, und schweigt, wenn sie sich anspannt. Das Telefon spricht nur selten, aber wenn es spricht, antwortet mein Mensch mit einer Stimme, die für andere gemacht ist, höher und langsamer als sonst. Ich mag diese Stimme nicht besonders. Sie bedeutet: Der Kopf ist bei jemand anderem. Manchmal spricht sie lange, ohne dass jemand antwortet, und dann nickt sie an Stellen, an denen nichts zu hören ist. Ich finde das anstrengend zu beobachten. Also schließe ich die Augen und höre nur auf den Stuhl.
Ich lese den Tag an ihren Schultern. Am Morgen sind sie hoch. Gegen Mittag sinken sie, und wenn die Sonne über den Teppich wandert, liegen sie tief. Ich wandere mit der Sonne, ein Stück pro Stunde, von der Ecke unter dem Fenster zur Ecke unter dem Regal. Das ist meine Arbeit. Sie besteht darin, den Boden warm zu halten und hin und wieder zu prüfen, ob ihre Schuhe noch da sind. Sie sind immer da. Trotzdem prüfe ich weiter. Eine Stelle, auf der man liegt, muss man kennen, wie man eine Tür kennt, die sich nach innen öffnet.
Manchmal vergisst sie die Tasse. Am Morgen stellt sie sie hin, und mittags steht sie noch dort, mit einem Ring auf dem Tisch, der nach Kaffee aussieht und nach Aufschub riecht. Ich sage nichts. Ich trinke keinen Kaffee, und ich habe kein Recht, über Aufschub zu urteilen.
Die Pause, die ich vorschlage
Ich bin kein Wecker und kein Termin, den man verschieben kann. Wenn ich spüre, dass der Tag zu lang wird, stehe ich auf und setze mich neben ihren Stuhl. Mehr nicht. Ich fordere nichts, ich verlange keine Runde. Ich sitze nur da, mit dem Rücken zu ihr, und warte, ob sie mich bemerkt. Manchmal dauert es, manchmal nicht. Wenn sie mich bemerkt, seufzt sie, und das ist ein gutes Zeichen.
Wir gehen dann nicht weit. Einmal durch die Wohnung, durch Küche, Flur und bis zur Balkontür. Ich schnüffle an der Heizung, an der Tür, an der Stelle, wo gestern der Einkauf stand. Sie streckt sich, trinkt Wasser und sieht aus dem Fenster, als müsste sie sich erst wieder erinnern, dass es draußen noch etwas gibt. Danach tippt sie anders, weicher, wie ein Gespräch nach einer Pause. Ich glaube nicht, dass ich sie produktiver mache. Ich erinnere sie nur daran, dass sie einen Körper hat, der unter dem Tisch endet.
Mein Mensch nennt es Homeoffice. Ich nenne es eine sehr lange Sitzübung.
Büro mit Hund
Manchmal, wenn ich unter dem Tisch liege, denke ich über die andere Sorte Büro nach: das mit dem Weg nach draußen am Morgen und der Rückkehr am Abend. Mein Mensch arbeitet von zu Hause, seit ich sie kenne. Wenn sie doch einmal fort muss, üben wir das Alleinsein, und ich weiß inzwischen, dass die Tür wieder aufgeht. Andere Hunde kennen das andere Büro. Manche von ihnen dürfen mit, in ein Gebäude, das nicht unseres ist.
Ich halte das nicht automatisch für ein Geschenk. Ein Büro ist laut, hat fremde Schuhe, fremde Stimmen, Türen, die sich ohne Ankündigung öffnen, und Kabel unter Stühlen. Nicht jeder Hund mag das. Manche mögen Stille, manche den eigenen Teppich, manche brauchen nach einer Weile eine Tür, die wirklich aufgeht. Ich zum Beispiel brauche zwischendurch eine Tür, die kurz aufgeht, auch wenn es nur für drei Minuten ist. Ohne diese Tür wird der Teppich eng, und der freundlichste Ton der Tastatur hilft nicht. Und ein Hund im Büro braucht einen Platz zum Rückzug und genug Schlaf, sonst ist der freundlichste Arbeitstag nur anstrengend. Die Menschen am anderen Ende des Tisches müssen auch einverstanden sein: die Kollegin mit der Allergie, der Kollege, der Angst vor Hunden hat, die Regeln des Betriebs. Wenn du mit deinem Hund über ein Büro nachdenkst, fang bei diesen Fragen an, nicht bei der Leine.
Wie ein hundefreundlicher Arbeitstag aussehen kann und welche Voraussetzungen dazugehören, beschreibt Deutscher Tierschutzbund mit seiner Aktion „Kollege Hund“ auf seinen Seiten.
Der Nachmittag ist die schwerste Zeit. Die Sonne hat den Teppich verlassen, die Tastatur wird langsamer, und ich kenne den Moment, in dem sie beschließt, dass der Tag fertig ist. Heute kommt er früher als sonst. Der Laptop klappt zu, das schönste Geräusch des Tages, weil es bedeutet, dass die Tasse endlich weggeräumt wird. Mein Mensch steht auf, zieht die Schuhe an, die für draußen sind, und nimmt die Leine von dem Haken. Sie sagt nichts. Sie muss nichts sagen. Ich gehe voraus, weil ich die Reihenfolge kenne: erst die Tür, dann der Flur, dann der Himmel, der größer ist als jeder Schreibtisch.
Der Abend danach gehört mir, außer wenn mein Mensch ein Date hat. Dann riecht der Flur nach Seife, und die Leine bleibt hängen. Heute bleibt sie nicht hängen. Heute geht die Tür auf, und draußen ist noch Licht. Die Hecke am Zaun hat nachmittags etwas Neues zu erzählen gehabt, und wir haben Zeit dafür.



