Mein Mensch hat gesagt, ich soll freundlich sein. Das sagt sie auch zu Menschen, die im Treppenhaus stehen und den Aufzug blockieren. Freundlich heißt bei ihr: nicht knurren, nicht starren. Und wenn möglich etwas mit dem Schwanz tun, das wie Willkommen aussieht. Ich kann das. Ich will nur wissen, für wen die Übung heute gilt.
Ich merke zuerst an den Schuhen, dass dieser Tag nicht wie andere Tage ist. Sie liegen nicht am Flurrand neben den Spaziergangsschuhen, sondern auf dem Teppich, aufrecht, wie zwei Leute, die sich nicht setzen wollen. Mein Mensch holt einen Pullover aus dem Schrank, hält ihn vor den Bauch, legt ihn zurück und nimmt einen anderen. Dann steht sie still und tut so, als würde sie an der Türklinke etwas prüfen. Ihre Hände sind nicht nervös. Sie sind nur sehr beschäftigt mit einer Sache, über die sie nicht spricht. Ich kenne das Muster. Vielleicht kennst du es auch: Man tut so, als wäre nichts, und dabei ist der ganze Tag eine Vorbereitung.
Sie wischt die Schale aus, in der ich nicht fresse. Sie schiebt den Stuhl an den Tisch und stellt ihn wieder zurück. Sie betrachtet die Wohnung mit einem Blick, den ich sonst nur kenne, wenn Besuch vor der Tür steht und noch nichts gehört wurde. Sogar der Flur riecht anders, nach Seife und nach einem Duft, den sie für kältere Monate aufhebt. Ich folge ihr von Raum zu Raum und zähle mit, wie oft eine Tür aufgeht und einfach wieder geschlossen wird.
Das Büro unter dem Schreibtisch kenne ich besser als jedes andere Zimmer, denn dort verbringt sie die meisten Stunden, mit den Füßen neben meinem Kopf. Heute ist kein Tastaturgeräusch im Haus. Heute ist nur diese besondere Stille, die entsteht, wenn ein Mensch beschlossen hat, dass der Abend nicht so werden soll wie die anderen Abende.
Dann klingelt es.
Der Besuch
Die Türklingel ist für mich kein Ton. Sie ist ein Zucken, das durch die ganze Wohnung fährt. Mein Mensch zupft an ihrem Pullover, atmet aus und öffnet. Der Gast ist zuerst nur eine Stimme, und die Stimme ist leiser, als ich erwartet habe. Ich mag leise Stimmen. Lautes Kommen hört man meistens zuerst an der Tür, bevor es sich mit einem Menschen ankündigt.
Er stellt seine Schuhe ab, bevor er hereinkommt. Das ist gut. Schuhe sagen mir mehr als Gesichter, weil ich Gesichter erst lernen muss und Schuhe sofort lesen kann. Seine Schuhe sind sauber, aber nicht neu. Sie haben einen Weg hinter sich, der nicht durch unseren Flur führte. Sein Geruch ist ruhig, kein scharfes Parfüm, sondern etwas Warmes nach Jacke und Straße. Er kommt nicht auf mich zu, als ich am Teppichrand sitze. Er bleibt stehen und wartet, bis mein Mensch etwas sagt. Ich weiß nicht, ob das Höflichkeit ist oder Übung. Beides wäre in Ordnung.
Dann beugt er sich zu mir herunter, ohne dass ich es angeordnet habe. Ich finde das eigenwillig. Er hält mir die Hand hin, mit dem Handrücken nach oben, genau wie es mir beigebracht wurde. Er fragt etwas, das nach Erlaubnis klingt. Ich verstehe die Worte nicht, aber mein Mensch nickt, und ihr Nicken kenne ich. Ich schnuppere kurz an seiner Hand und setze mich wieder. Sie riecht nach Seife und nach nichts Schlimmem. Das ist mehr, als ich von manchen Paketboten sagen kann.
Er hängt seinen Mantel an den Haken, an dem sonst meine Leine hängt. Eine Grenzüberschreitung, über die ich später nachdenken werde. Zuerst beobachte ich die Hände. Sie bewegen sich langsam, wenn er die Tasse nimmt, und langsam, wenn er sich setzt. Schnelle Hände mag ich nicht. Schnelle Hände bedeuten meistens, dass gleich etwas passiert, und ich habe gelernt, dass ich dann besser unter dem Tisch liege.
Die Sache mit dem Leckerli
Er hat eine Tüte mitgebracht. Ich rieche sie vom Flur aus: Papier, und darin etwas, das nach einem Ort riecht, an dem es Brote gibt. Ich setze mich vor die Tüte und zeige das ganze Programm: erst Sitz, dann Pfote, dann lege ich mich hin und rolle mich halb auf den Rücken. Das ist mein übermütiges Begrüßungsprogramm, und ich wende es selten an. Mein Mensch lacht, aber nicht so, wie sie lacht, wenn ich etwas wirklich Dummes gemacht habe. Sie lacht, wie sie lacht, wenn sie überrascht ist.
Die Tüte enthält kein Leckerli. Sie enthält eine Flasche und etwas Grünes, das nicht zum Fressen gedacht ist. Ich bin nicht enttäuscht, nur schlauer. Der Besuch hat also Geschenke für meinen Menschen mitgebracht. Das ist ein gutes Zeichen. Ich habe schon Besuch erlebt, der nichts mitbrachte und trotzdem erwartete, dass die Couch für ihn gerückt wird.
Später sitzen die beiden am Tisch, und ich liege auf meinem Platz unter dem Stuhl. Ich verstehe nicht, warum Menschen sich zum Reden hinsetzen, wenn sie auch stehen könnten. Ich verstehe auch nicht, warum die Tasse zwischen ihnen wichtiger sein soll als das, was sie sagen. Aber ich verstehe etwas anderes: die Schultern meines Menschen. Zu Beginn des Abends waren sie hoch, fast bis zu den Ohren. Jetzt sind sie tiefer. Sie lehnt sich zurück, sie schaut nicht mehr zur Tür, und sie lacht mit einem Geräusch, das ich von guten Telefonaten kenne.
Ich weiß nicht, ob er bleiben darf. Aber er hat gefragt, bevor er mich angefasst hat. Das ist ein Anfang.
Der Abschied
Als er geht, stehen seine Schuhe noch einen Moment im Flur, während er den Mantel sucht. Ich sitze daneben und tue nichts. Ich muss nicht mehr prüfen. Mein Mensch steht an der Tür, und ich sehe ihr von unten zu. Ihre Schultern sind immer noch tief. Sie schließt die Tür, lehnt den Kopf dagegen und lacht kurz in die leere Wohnung, ein kleines Lachen, das niemandem gilt.
Ich lege mich auf die Stelle, an der seine Schuhe standen. Der Boden ist dort noch warm. Mein Mensch geht nicht sofort ins Bett. Sie räumt die Tassen ab, und ich höre, wie sie dabei etwas vor sich hin summt, was sie nur tut, wenn der Tag gut ausgegangen ist.
Wenn sie fort ist, wird die Wohnung groß, und wir üben das Alleinsein, ein Stück weiter als gestern, immer mit dem Wissen, dass sie zurückkommt. Aber heute ist sie nicht fort. Heute ist sie da, und die Stelle unter dem Haken, an dem sonst meine Leine hängt, ist leer, weil dort ein Mantel hing und wieder verschwand.
Ich schlafe ein, bevor das Licht ausgeht.



