Moonlight schnüffelt an einer Hecke auf einem schmalen Weg.

Ich messe den Spaziergang in Gerüchen

Mein Mensch zählt Schritte. Ich lese, wer vor uns hier war.

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Mein Mensch sagt, wir haben heute nur eine kleine Runde. Ich sage nichts. Eine kleine Runde kann sehr viel enthalten.

Die Tür geht auf, und der Morgen kommt herein wie ein frischer Brief. Er riecht nach Tau und kaltem Stein, und das Gras ist noch feucht. Mein Mensch läuft zügig, mit dem Schritt, den er benutzt, wenn er eigentlich arbeiten will, den Kopf schon beim nächsten Gedanken. Er zählt die Runde in Schritten, ich zähle sie in Stopps. Ich bleibe stehen, bevor er es merkt, und das ist der Anfang.

Vor der Tür liegt die Straße noch halb schlafend da. Jede Türschwelle hat ihren eigenen Geruch, jeder Abfluss seinen eigenen Hauch, und dazwischen steht die Luft still wie in einem Raum, der erst in einer Stunde aufgeräumt wird.

Drei Stopps

Ein Stopp ist keine Pause. Eine Pause ist, wenn nichts passiert; ein Stopp ist, wenn auf einmal alles da ist.

An der Hecke hängt etwas in der Luft, das ich gut kenne: feuchte Erde, grüne Blätter und, ganz unten dicht am Boden, die Spur eines Kaninchens. Sie ist so frisch, dass sie noch am Wegrand klebt wie Tinte am Papier. Der Wind kommt von der Wiese und legt eine zweite Schicht darüber, Gras und Morgentau, aber die untere Zeile bleibt lesbar. Die Nässe der Nacht steckt noch in den Blättern, und jeder Tropfen riecht anders, je nachdem, woran er hängt. Ich nehme sie auf, Satz für Satz, und mein Mensch wartet, eine Hand in der Tasche.

Am Laternenpfahl, wo die Wiese in den Weg übergeht, steht ein Briefkasten, nur dass ihn niemand aus Blech gebaut hat. Dutzende Hunde haben hier Nachrichten hinterlassen, Schicht über Schicht, und ich lese von unten nach oben, wer groß war und wer es eilig hatte. Der Pfahl ist morgens noch kühl, er riecht nach Metall und nach dem Regen von vorgestern, und zwischen all den Stimmen finde ich eine, die ich kenne. Mein Mensch seufzt leise. Ich brauche noch einen Augenblick, sage ich mit dem Schwanz, und sie versteht.

Der Bach plätschert vor sich hin, ohne sich zu beeilen, und sein Geräusch gehört zu diesem Platz wie das Holz der Bank.

Die Bank am Bach ist frei. Gestern hat mein Mensch hier gesessen, als die Sonne noch hoch stand, und ihr Geruch sitzt noch im Holz, vermischt mit Staub und warmem Nachmittag. Ich lege den Kopf auf die Kante und atme ihn ein, zweimal. Sie fragt, ob ich müde bin. Ich bin nicht müde. Ich lese gerade das Ende einer Geschichte.

Das Gerät in seiner Hand summt. Er schaut darauf, dann auf den Weg, dann wieder auf das Gerät. Ein Zeitplan liegt in der Luft, und ich bin nicht darin eingeplant.

Warum ich so lange stehen bleibe

Meine Nase ist kein Zaubertrick. Sie ist ein Sinn, mit dem ich meine Umgebung lese.

Moonlights Nase über feuchten Bodenspuren an der Hecke.
Bis hierhin und noch einen Spalt weiter.

Hunde benutzen ihre Nase viel stärker, als Menschen das tun. Wie weit eine Spur reicht und wie genau sie zu lesen ist, hängt vom einzelnen Hund ab, von seinem Training, vom Wetter, vom Boden und von allem, was zwischen mir und der Spur liegt. Nach Regen ist die Welt deutlich wie eine frische Druckseite, in trockener Hitze wird sie dünn und flüchtig. Ein nasser Weg trägt Gerüche weit, ein staubiger lässt sie verwehen. Manche Hunde folgen einer Spur über lange Strecken, andere verlieren sie nach wenigen Metern. Das ist kein Makel, es ist Unterschied, und Unterschied gehört zu jedem Hund wie sein Fell.

Der Wind trägt Gerüche von weit her, aber er vermischt auch, was gerade noch deutlich war. Deshalb drehe ich den Kopf, bevor ich einer Spur folge: Ich brauche die Richtung, aus der sie kommt.

Ein Stopp ist für mich auch ein Gruß. Was ein anderer Hund hinterlassen hat, erzählt, wer er ist, ob er unsicher war oder gelassen und ob er in Eile lebte. Manche Nachrichten sind so frisch, dass sie noch warm wirken; die meisten sind älter, abgelegt wie Post, die niemand mehr beantwortet. Das lese ich nicht wie ein Buch mit festem Text. Ich lese wie ein Mensch eine Handschrift: Die meisten Wörter verstehe ich, ein paar bleiben offen, und genau diese Offenheit macht das Weiterlesen schön.

Schnüffeln ersetzt keine Bewegung, kein Training und keine Untersuchung bei der Tierärztin. Eine gute Runde hat Platz für beides, für den schnellen Teil und für die langen Stopps.

Wenn du an einem Hund vorbeikommst, der einfach stehen bleibt, hat er vielleicht gerade eine ganze Straße gelesen.

Wer genauer wissen möchte, wie stark Wetter, Training und Umgebung den Geruchssinn beeinflussen, kann die Einordnung bei PETBOOK nachlesen.

Der Rückweg

Inzwischen hat mein Mensch das Gerät in die Jackentasche gesteckt. Sie geht neben mir, in meinem Tempo, und manchmal bleibt auch sie stehen, um zu schauen, wohin ich schaue. Ich zeige ihr die Welt, die sie nicht sieht: die Spur unter der Hecke, die Nachrichten am Pfahl, den Platz auf der Bank, wo noch die Sonne von gestern liegt.

Ich bin nicht langsam. Ich bin gründlich.

Mein Mensch hat aufgehört, vorauszugehen. Wenn ich stehen bleibe, bleibt er stehen, und ich habe den Eindruck, dass er langsam lernt, einen Weg zu lesen, auch ohne Nase. Er braucht nur mehr Übung.

Wenn der Boden heiß wird, weichen wir früher auf Gras und Schatten aus, und die Runde wird kürzer, ohne kleiner zu werden. Drinnen ist das Tempo ein anderes, ruhiger und ohne Hecken, wie ich es in Der Platz in der Sonne erzählt habe.

Wir gehen den Weg zurück, an der Hecke vorbei, am Pfahl, an der Bank. Der Morgen hat sich in einen Vormittag verwandelt und legt sich warm auf den Asphalt. Vor der Tür drehe ich mich noch einmal um. Der Weg hinter uns ist voller Geschichten, die ich heute gelesen habe, und morgen früh werden neue dazugeschrieben, bevor mein Mensch aufwacht.

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